Was einen Eisenmann aus Dir macht – und was eben nicht!?

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Vor etwas weniger als 24 Stunden habe ich die Finish-Line am Rathausmarkt in Hamburg überquert und darf mich seither wohl auch als Ironman bezeichnen. Aber immer mal schön der Reihe nach:

Bereits am Freitag sind wir gegen Mittag angereist, um ganz entspannt die Hotelzimmer in der Nähe der Laufstrecke zu beziehen. Am frühen Abend ging es noch zur Wettkampf-Besprechung ins Mehr-Theater. Wobei das Spektakel eher einem Laufsteg für Triathleten-Models glich, aber darauf komme ich später nochmal zurück. Den ersten Abend in Hamburg begingen wir ganz klassisch damit, noch ein bisschen was für den Kohlenhydrat-Haushalt zu tun und es ging relativ pünktlich ins Bett, da die nächste Nacht ja sehr kurz werden sollte, wenn man morgens um drei Uhr vom Wecker aus dem Schlaf gerissen werden sollte. Allerdings kam es zu dem Umstand, dass ich am späten Nachmittag erfuhr, dass am Wettkampftag eine halbe Stunde länger geschlafen werden konnte. Der Grund: Das Schwimmen wurde aufgrund der schlechten Wasserwerte (sehr hohe Konzentration an Blaualgen) abgesagt. Doch wer jetzt denkt: „Na dann ist es ja kein richtiger Ironman!“ hat weit gefehlt, denn als Ersatz für das Schwimmen wurden spontan 6 Kilometer Laufen vor die 180km Radfahren und den Marathon gepackt. Der Start verschob sich dadurch von 6:40 Uhr auf 7:10 Uhr. Anfangs habe ich mich sehr über die Entscheidung geärgert, aber mich schnell versucht zu arrangieren und den Fokus nicht zu verlieren. Den Samstag verbrachten wir entgegen vieler Empfehlungen recht aktiv auf den Beinen bei einem ausgiebigen Stadtbummel und später beim Bike Check-In. Zum Abend braute sich noch ein fieses Gewitter zusammen, was mich animierte später nochmal nach meinem Rad in der Wechselzone zu gucken, aber da war weiterhin alles in bester Ordnung. Die Nerven wollten wohl einfach mal beruhigt werden. Eine erneute Mega-Ladung Kohlenhydrate später lag ich auch schon pünktlich um 22 Uhr im Bett und wartete auf den Schlaf. Nur leider kam der nicht so richtig zustande. Da ich aber die beiden Nächte zuvor gut schlafen konnte, war das eher kein Problem. Schon bereits vor dem ersten Klingeln des Weckers stand ich auf und machte mich an die Vorbereitungen: Gel-Flaschen anmischen, Iso-Flaschen befüllen und alles was nicht schon in der Wechsel-Zone bleiben konnte zusammen sammeln. Freundlicher Weise konnte ich mit dem Hotel schon absprechen, dass mir ein Frühstück um 4:00 Uhr bereit gestellt wird. Danke dafür! Ich habe mir extra die Zeit so gewählt, um keine Hektik aufkommen zu lassen. Gegen 5:30 Uhr machte ich mich dann mit meinen Utensilien auf Richtung Wechselzone. Flaschen ans Rad, Schuhe eingeklickt und mit Gummis am Rahmen befestigt – ready to rumble! Raus aus der Wechselzone, Sonnencreme an die frei liegenden Körperteile verteilt, an andere Teile eine etwas andere Masse 😉 Kurz vor sieben stellte ich mich in den Startblock und stellte fest, relativ weit vorne zu stehen. Dieser Fakt und sehr spontaner Druck auf der Blase (wer schon mal mit voller Blase versucht hat, länger zu laufen wird das verstehen ;-)) haben mich nochmal davon überzeugt, das Dixie aufzusuchen und mich weiter hinten einzureihen. Zeit sollte ich dadurch nicht verlieren, denn der Veranstalter hielt an seinem Rolling-Start Konzept fest: Alle 5 Sekunden wurden immer jeweils 3 Läufer auf die Strecke gelassen. Irgendwann war auch ich an der Reihe. Mit kontrolliertem Puls ging es in 4:30er Pace auf die kurze Runde. Alles fühlte sich stabil an und nach etwas mehr als 27 Minuten erreichte ich die Wechselzone. Den Wechsel konnte ich trotz der sehr langen (ca. 800 Meter) Wechselzone am Ballindamm ziemlich schnell gestalten. Auf dem Rad hatte ich zunächst Probleme beim Schließen der Schuhe, aber nach ein, zwei Versuchen saß ich im Sattel, die Arme auf dem Aero-Lenker und bereit in meinem besten Element alles zu geben. Von diesem Vorhaben wurde ich auf einer Kopfsteinpflaster-Passage mit viel Klappern und Geschüttel jäh aus den Zeitfahrer-Träumen gerissen. Eine furchtbare Strecke und schon hier hatten einige offensichtlich vor mir Flaschen, Fahrradcomputer, Schläuche usw. verloren. Aber bis auf diese Passage (die allerdings noch drei Mal auf den zwei Runden kommen sollte) war es eine Strecke die mir sehr entgegen kam. Flach, dafür sehr windanfällig und nur wenige anspruchsvolle Kurven. Die Durchschnittsgeschwindigkeit stieg unaufhaltsam und segelte sich bei 38 km/h ein und das obwohl ich in meinem ermittelten Watt-Bereich eher noch defensiv unterwegs war. Da es nicht ganz windstill war, schien ich eine ganz gute Position auf dem Sattel eingenommen zu haben. Runde 1 nach 2:18h war mal eine Ansage und wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir statt des Marathon doch einfach 4 statt nur 2 Runden fahren können. Der sich drehende Wind forderte auf Runde zwei etwas Tempo-Einbuße, aber wenn mir vorher einer gesagt hätte, dass ich das Rad nach 4:43h in der Wechselzone abstellen würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Beim zweiten Wechsel habe ich mir bewusst etwas mehr Zeit gelassen, um mich für den abschließenden Marathon gut vorzubereiten. Jedem würde ich nun dazu raten, den Marathon ruhig anzugehen und erst später das Tempo anzuziehen. Und was tat ich? Mit einem ersten Kilometer in 4:19 min/km war ich deutlich zu schnell unterwegs. Eben doch selbst manchmal noch wie ein Anfänger!? Irgendwann pegelte sich das ganze bei 4:50 min/km ein und ich fand auch jemanden neben mir, der mir signalisierte, das gleiche Tempo gehen zu wollen. Aber irgendwann erinnerte ich mich an die Worte eines Bekannten: „Beim Ironman kämpft und stirbt jeder für sich allein“ und so suchte ich nach meinem eigenen Tempo. Das sollte sich im Verlauf der vier Runden leider auch noch weiter reduzieren. Zwar waren die Pulswerte super, aber ich kam mit der stehenden Hitze an diesem Tag einfach nicht dauerhaft zurecht. Ja, sogar aufgeben war lange Zeit ein begleitender Gedanke. Es ist schon ein fieses Gefühl drei Mal kurz vor der Finish-Line wieder links abbiegen zu müssen, weil man noch nicht alle farbigen Armbänder bekommen hatte. So wurde Runde für Runde, Kilometer für Kilometer ein Kampf gegen die Stimmen im Kopf, aber als ich auf die Runde für die letzten 10 Kilometer ging, wusste ich: „Das packst Du heute, zur Not auch auf einem Bein“. Von der Schleuse, in der man das Armband für die Kennzeichnung der absolvierten Runde bekam, bis zum Ziel waren es nochmal knapp 1,5 Kilometer. Den Reißverschluss vom Einteiler hochgezogen, Brille richtig aufgesetzt und nochmal jeden Schmerz der letzten Stunden ausgeblendet, konnte ich endlich geradeaus auf den roten Teppich abbiegen.  Es war laut, es war erlösend, es war einmalig!!! 9:28h! Bääm!

Nun bin ich kein Rookie mehr und darf mich Ironman nennen. Ich muss zugeben, ich habe mich vorher auch nie so gefühlt und bewusst keine Ironman-Klamotten oder ähnliches getragen. Aber das erste, was ich nach dem Zieleinlauf gemacht habe, war nicht, das kostenlose Zeugs zu essen und zu trinken zu nehmen, sondern mich ins Merchandising-Zelt zu begeben und mir „meine“ Ironman-Cap zu kaufen. WEIL ICH SIE MIR VERDIENT HABE! Die geeignete Stelle um nochmal auf die Triathlon-Models vom Laufsteg zurück zu kommen. Teilweise schon peinlich, wie sich manch einer gibt, um dann im Rennen auf „Mimimi“-Modus zu schalten. Abliefern und dann trommeln, um sich nur kurze Zeit später für das nächste Abliefern vorzubereiten. Ich muss kein 15.000€ Rad durch die Expo schieben oder mit Einteiler in die Pizzeria gehen. Mein Lohn ist die Anerkennung von Arbeit. Und die drückt sich wie im wahren Leben in Zahlen aus – nur das diese im Gegensatz zum wahren Leben im Triathlon meistens die nackte Wahrheit aussprechen. Die monatelange Arbeit hat sich hier gelohnt, denn du bekommst am Ende immer das, was Du Dir erarbeitet hast und verdienst. Ich bin dankbar. Dankbar für die Unterstützung aller, die an mich geglaubt haben und mich sowohl vor Ort als auch mit Daumendrücken zuhause unterstützt haben. Dankbar aber auch für die, die mir das Gefühl des Zweifels gegeben haben, denn das hat mich in den Monaten zuvor meist noch härter trainieren lassen. Zu guter Letzt bin ich dankbar für die Dinge, die ich aus dem Wettkampf für meinen Weg im Sport und im Leben lernen kann, schon gelernt habe und noch lernen muss. Es gibt Zahlen, die mich glauben lassen, das ich auf meinem Weg noch einiges verbessern kann und die Art wie ich die Zahlen lese und verstehe, werden mich daraus wohl den nächsten Plan basteln lassen. Nach dem Ironman ist vor dem Ironman, da ist Wahres dran!

Jetzt ist erstmal ein paar Tage Pause vom Sport und Ironman angesagt, bevor es zum Ironman 70.3 auf Rügen geht. Hier habe ich noch eine Verabredung mit meiner Bestzeit…ich GLAUBE daran und werde in den paar Wochen bis dahin genauso für dieses Ziel kämpfen und arbeiten. Mit Plan. Denn der letzte Plan hat einen Eisenmann aus dem „Dicken“ gemacht. Man muss sich die Frage schließlich selbst beantworten, ob an dem Spruch was dran ist: „Anything is possible!?“ Meine Antwort ist: „Yes, it is!“ Wie wird Deine Antwort sein?

-MP

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